Latin VFR bringt in schneller Reihenfolge neue Szenerien auf den Markt. Mit Sucre Bolivia und dem Flughafen Juana Azurduy de Padilla wurde ein Addon veröffentlicht, das höchste fliegerische Ansprüche stellt. Umgeben von einer gigantischen Bergkulisse darf man gespannt sein, was die Simulation von Latin VFR vermittelt. Bei diesem Review gehe ich auf beide Versionen (FS9 u. FSX) ein.
Der Flughafen: Wirklichkeit und Simulation
Sucre ist mit ca. 250000 Einwohnern die Hauptstadt von Bolivien. Viele denken dabei an La Paz, die aber nur Regierungssitz, ist obwohl diese mit ca. 900000 Einwohnern Sucre um ein Vielfaches übertrifft. Vielleicht wurde Sucre als Hauptstadt gewählt, da der El Alto International Airport von La Paz auf über 4000 Meter liegt. Darüber kann man nun spekulieren.
Für die Hauptstadt eines Landes stellt der Flughafen Juana Azurduy de Padilla aber nur eine Provinz dar. Er liegt auf einer Höhe von 9527 Fuß (ca. 2904 Meter) und erreicht damit „alpine“ Höhen. Es existiert nur eine Landebahn (RWY 05/23), die es allerdings in sich hat. Oben auf den Bildern erkennt man, dass die Runway einen deutlichen Knick hat. Gelandet und gestartet wir auf der 05, diese steigt zunächst an, um dann ein noch stärkeres Gefälle aufzuweisen. Sie endet an einem Berg. Umgeben ist der Flughafen von einem Gebirge (siehe auch Bild 4 – oben). Die Runway liegt gewissermaßen in einer Mulde, was den Anflug schwierig macht, doch dazu später mehr.
Es gibt nur ein relativ kleines Terminal aber keine Passagierbrücken. Fast jeder Regionalflughafen in Deutschland ist größer. Überhaupt wird der Flughafen nur von drei Gesellschaften angeflogen. Die bekannteste ist AeroSur. Durchschnittlich gibt es nur zwei Flüge pro Tag. Bei einbrechender Dunkelheit oder gar Nachts wird überhaupt nicht geflogen. Ein ILS Landesystem gibt es nicht und die Runway hat deshalb auch keine „Befeuerung“.
Installation
Dieses Addon gibt es für beide Versionen des Flugsimulators. Der Link „Buy Now“ auf der Homepage von Latin VFR öffnet die Beschreibung bei Simmarket. Mit einem Klick auf die deutsche Spracheinstellung, erhält man auch eine Beschreibung der Software in Deutsch. Die weitere Vorgehensweise entspricht dem üblichen Ablauf bei Simmarket.
Die eigentliche Installation ist nicht „vollautomatisch“ – die Anmeldung in der Szeneriebibliothek muss man selbst vornehmen. Ob einem das Handbuch weiterhilft, wird sich zeigen…
Handbuch
Das Handbuch im PDF-Format ist in englischer Sprache verfasst und etwas unübersichtlich gestaltet. Nach einem Screenshot der Szenerie folgt ein reales Bild des Airports von airliners.net. Ein Inhaltsverzeichnis sucht man vergeblich. Beim Vergleich des Bildes aus dem Handbuch mit den Screens auf der Homepage wird ein Unterschied in der Farbgebung deutlich. Auf diesen Punkt werde ich beim Kapitel Texturen noch gesondert und ausführlich eingehen.
Nach einer kurzen Beschreibung des Flughafens kann man die Hauptcharakteristiken des Airports sehen. Die Aufmachung der Daten kam mir aber bekannt vor – richtig – der Autor hat diese einfach aus Wikipedia kopiert und dabei freundlicherweise auch die Links überlassen…
Eine Installationsanleitung findet man überhaupt nicht. Beim Kauf einer Payware, die zudem sich nicht selbst in der Szeneriebibliothek anmeldet, halte ich das für einen großen Nachteil. Die Installation beim FSX ist noch einfacher, es gibt nur die klassischen Scenery- und Textureordner. Die FS2004 Version beinhaltet aber neben dem Airport (Sucre_SLSU) einen Mesh Ordner (Sucre_terrain). Für einen Anfänger, der vielleicht genau wegen mangelnder Kenntnisse Payware kauft, ist das eine Zumutung.
Das Handbuch endet mit den „Frequent Questions and Answers“. Es wird noch komplizierter. Die FS2004 Version findet man bei der Flughafenauswahl unter zwei Namen, nämlich SLSU und SLSV. Wenn man bei den Gates eine Auswahl haben möchte, soll man SLSV wählen. Der internationale ICAO Code ist aber SLSU. Bei der FSX Version hat man dieses Problem nicht.
Es folgen noch die Hinweise, dass es für die Szenerie und dem FS2004 keinen AFCAD File gibt, die Benutzer des FSX sehen Verkehr, allerdings erfolgt der Takeoff ein Stück vermeidlich schwebend, als würde die Runway in der Luft liegen. Solche Probleme sollten eigentlich bei Payware nicht auftauchen.
Der Flughafen und die Umgebung
Nach dem Start des Flugsimulators befinde ich mich vor dem einzigen Terminal mit meiner B727-200 von AeroSur. Sofort fällt der zuvor schon erwähnte gelbliche Farbton der Szenerie auf. Dieser wirkt sehr unnatürlich und stört. Für den FSX nutze ich kein extra Höhenmesh, aber die Bilder unterscheiden sich deutlich zur Farbgebung der Screenshots auf der Homepage von Latin VFR. Das wollte ich sofort nachprüfen und installierte auch die FS9 Version. Dort das gleiche Bild, ein starker gelblicher (oder ockerfarbener) Ton sticht einem ins Auge. Zunächst schaute ich mir die Screenshot aus dem Handbuch noch einmal genauer an. Der gleiche Gelbton ist auch hier zu sehen. Das Video, welches man sich auf der Homepage von Latin VFR betrachten kann, weißt die gleiche Farbgebung auf. Also liegt es nicht an meiner Software. Damit zurück zum FSX und Start des Addons.
Auf dem Vorfeld des Airports kommt man sich etwas einsam vor. Außer dem Gebäude, ein paar Autos, einem Hangar und einer Tankstelle sieht man nicht viel. Das Flughafengebäude ist gut umgesetzt und hat auf der Vorder- und Rückseite einen Wiedererkennungswert zum Original. Zuvor wurde von mir schon beschrieben, dass man eher das Gefühl hat, irgendwo in einem Provinznest gelandet zu sein. An eine Hauptstadt denkt man da nicht. Das Gefühl ist auch in der Realität so und kommt somit authentisch herüber.
Nun wollte ich einen Ausflug zu den Objekten und der Umgebung der Szenerie machen. Beim Blick auf die Radarstation (siehe Bilder oben) fiel mir aber der Zaun im Hintergrund auf. Er schien versetzt und von unterschiedlicher Höhe zu sein. Auf den nächsten Screenshots (siehe auch vorletztes Bild oben – roter Pfeil) sieht man diese Beobachtung bestätigt, v.a. das dritte Bild zeigt dies deutlich. Setzt man bei der Gestaltung einer Szenerie Objekte ein, muss beim Platzieren genau auf die Position geachtet werden. Bei Zäunen, die immer aus einzelnen Elementen entstehen, ist das doppelt wichtig. Kleine Fehler sind normal, aber nicht in der zuvor angesprochenen Bandbreite. Auf den letzten beiden Bildern sieht man einen weiteren Fehler. Ich kam bei den Start- und Landeversuchen von der Bahn ab. Der blaue Pfeil auf den Screenshot zeigt den Übergang zwischen Runway und dem Gras daneben. Der Übergang ist nicht geschlossen, deshalb verschwindet der Flügel der B727-200 in der Erde. Hier wurde nicht sauber gearbeitet.
Auf Höhe der Landebahn 05 rechts, fehlt eine Einzäunung komplett. Der Flughafen ist somit offen und frei zugänglich, was natürlich nicht der Realität entspricht. Die Designer des Addons haben mit dem Terminal und andere Objekte bewiesen, dass sie auch anders können.
Statische Flugzeuge gibt es keine. Für den FS2004 haben die Macher einen animierten Autoverkehr dem Addon beigegeben.
Die Texturen
Der störende Farbton wurde schon mehrfach erwähnt. Bilder aus der realen Welt des Airports zeigen bei den typischen Betonplatten einen Grauton und besitzen keinen gelblichen Schimmer. Die Aufsetzspuren wirken beim Addon zu stark aufgemalt. Normalerweise sind die Ränder der Runway in einem grauschwarzen Ton zu erkennen. Hier haben sie die Farbe von olivgrün.
Startet man und fliegt Richtung 55° erkennt man relativ schnell das Ende der beigefügten Mesh. Es ist eine deutliche Grenze erkennbar, was beim FSX schon drastisch auffällt, beim FS2004 aber noch extremer ins Auge sticht (siehe letztes Bild oben). Die Berge scheinen wie hinein gemalt. Die Idee ein Mesh zu gestalten ist bei dieser Form von Szenerie absolut richtig und auch wichtig. Allerdings hätte auch hier etwas mehr Zeitaufwand und gestalterische Sorgfalt gutgetan. So verwaschene Strukturen wie auf dem Parkplatz auf dem Terminal findet man häufig beim FS2004, beim FSX ist das aber nicht mehr zu rechtfertigen. Aber auch der ältere Flugsimulator hat viel mehr Möglichkeiten, wie z.B. andere Addons beweisen.
Da es keine Abend- und Nachtflüge gibt, kann man hier auch keine Nachttexturen und Beleuchtung testen. Wer darüber enttäuscht ist, sollte sich an die echten Umstände erinnern, dass dieser Airport nur zweimal pro Tag angeflogen wird. Schöne und richtige Nachttexturen zu gestalten ist eine große Kunst. Den Freiraum hätten die Macher aber dann für die anderen Texturen nutzen müssen, auch wenn der Reiz des Flughafens auf einer anderen Ebene liegt, wie das nächste Kapitel zeigt.
Start und Landung
Dem Thema Start- und Landungen muss man bei diesem Addon ein eigenes Kapitel widmen. Zuvor ist deutlich erkennbar, dass vieles gegen den Kauf der Software spricht. Das wichtigste am Flughafen ist aber gut umgesetzt. Das Terminal für den Abflug sowie die grundsätzliche Geometrie der Startbahn.
Mit dem FSX habe ich eine Freeware Version einer B727-200 genommen. AeroSur fliegt noch mit 6 Flugzeugen dieses Typs und hauptsächlich mit diesem Fluggerät auch Sucre an. Das Repaint meiner Verwendung stimmt nicht ganz mit der Realität überein ist aber wenigstens ansatzweise realistisch. Weitere Anflüge mit dem FSX habe ich mit einem Wilco Airbus A319 der LAN Airline und der Jetstream 4100 von PMDG vorgenommen. Da ich mit dem FS2004 mehr Erfahrung besitze, benutze ich mit diesem Simulator eine PMDG B737-700 der Copa Airlines. Man möge mir den Fehler verzeihen, nicht mit ganz authentischem Flugmaterial geflogen zu sein. Beide Versionen von Latin VFR wurden von mir somit getestet.
Zunächst stand das Studium der mitgelieferten Charts an. Für den Start von Runway 05 sollte man nach dem Takeoff auf 12300 Fuß oder höher steigen, um dann von 55° auf 144° zu schwenken. Der erste Start ging schief. Ich hatte die Klappen zu gering ausgefahren und dabei die enorme Höhe nicht berücksichtigt. Zudem hüpfte mein Jet geradezu über die Kuppe, die sich beim „Knick“ mit einem plötzlichen Gefälle zeigt, sehr stark. Das Abheben erfolgte zu spät und dadurch wäre ich in die Berge danach „gecrasht“. Die weiteren Screenshots oben zeigen aber dann meinen Lerneffekt und ich konnte mich Richtung La Paz begeben. Dort erlebte ich aber einen Unfall bei der Landung. Der Flughafen liegt, wie oben angedeutet auf über 4000 Meter. Bei mir zeigte sich ein Strömungsabriss und machte mir für die weiteren Anflüge auf Sucre große Hoffnung…
Will man auf der Runway 05 landen, ist zuvor ein Gebirge „im Weg“. Mein Ehrgeiz war aber entbrannt. Die ersten Landungen gingen alle schief. In diesen Höhen herrscht nun einmal weniger Auftrieb als auf Meereshöhe. Das Setzen der Landeklappen und der richtige Umgang mit dem Schub will geübt sein. Zudem gibt es kein ILS-Sender, es wird auf Sicht geflogen, spätestens beim Schwenken in Richtung Landebahn muss man den Autopiloten abschalten. Autoland funktioniert nicht. Dies zeigen auch wirkliche Cockpitaufnahmen auf einer bekannten Videoplattform.
Man muss versuchen, recht früh aufzusetzen, da am Ende der Runway keine Sicherheitszone wartet, sondern ein Berg lauert, der einem dann „frisst“. Setzt man kurz vor der Kuppe auf, springt man regelrecht wie auf einer Schanze. Auf dem vorletzen Bild ist dies zu erkennen. Das frühe Aufsetzten wird durch das davorliegende Gebirge erschwert. Nach der Landung hat man es zuerst mit einer kleinen Steigung zu tun, welche wie zuvor beschrieben in ein Gefälle übergeht. Man bekommt noch einmal eine Beschleunigung mit, als hätte man den Umkehrschub und die Bremsen abgeschaltet.
Da ich eigentlich schon etliche Landungen mit dem Flugsimulator hingelegt habe, wurde ich fast etwas wütend über den Umstand, zu Beginn so viele Abstürze usw. erleben zu müssen. Aber darin liegt bei dieser Szenerie der Reiz. Die Landebahn und die örtlichen Verhältnisse sind gut nachgebildet. Es spornte zumindest mich an endlich sauber landen zu können. Fliegerisch bestätigte sich die Vermutung, dass hier eine enorme Herausforderung auf einen wartet.
Eine gute Szenerie stellt als Ergänzung der El Alto International Airports von La Paz dar. Man findet diese übrigens bei Avsimrus.com. Diese gibt es auch im Eintrag von Avsim, lässt sich aber zurzeit nicht herunterladen.
Frames
Mit der Performance der Simulation im FSX war ich teilweise zufrieden. Mit dem genannten Flugzeug aus dem Freewarebereich hatte ich zwischen 13 FPS und 23 FPS. Allerdings ging die Framerate mit einem Payware Addon von Wilco auf nur 8 v herunter. Wilco entwickelt Flugzeuge, die wahrlich keine „Framefresser“ sind. Als Erklärung könnte aber auch dienen, dass ich zwei Monitore im Dualviewmodus benutze und die Auflösung von meinem Hauptmonitor 1920*1200 Bildpunkten beträgt.
Mit dem FS2004 hatte ich meistens zwischen 48 FPS und 65 FPS. Selten sank der Wert auf 33 FPS ab. Bis man beim FSx ähnliche Werte erreicht, muss man wahrscheinlich noch ein oder zwei Rechnergenerationen warten oder sehr viel Geld ausgeben.